MB-ackpacker

Der Mitbewohner

Morgens klingelt der Wecker oft einige Minuten, in steigender Lautstärke, bevor er ausgeschalte wird. Das Klingeln macht auch vor unserem Zimmer nicht halt – denn schalldicht ist es bei weitem nicht. Nach einer Reinigung unter der Dusche hörte man – sofern man das Pech hat, in der Zwischenzeit nicht wieder eingeschlafen zu sein – das Knarren des Boden, welches den unerbitterlichen Beweis für eine Bewegungsquelle im ersten Stock liefert. Die Isolierung dieses Hauses ist eine Katastrophe, welche daher die Bezeichnung des Isolierens unverzüglich wieder aberkannt bekommt. Im Toaster landen zwei Scheiben weißen, gehaltslosen Toastbrots. Für 85 australische Cent sollte man keine Qualität erwarten. Um dem ganzen jedoch noch den Hut aufzusetzen, wird dieses, sobald es fertiggetoastet aus dem $7 Toaster springt, mit lebensverkürzenden Maßnahmen alla Nutella & Co. behandelt. Wenn schon, denn schon. Nach dem Verlassen des Hauses kehrt Ruhe ein…

Der Abend rückt näher, das  Geräusch eines Schlüssels erklingt im Türschloss und die Mitbewohner bekommen zunehmend rasenden Herzschlag und flachen Atem. „Was tun? Weiter fortzufahren mit der konzentrierten Tätigkeit oder gar das Lauschen des Hörbuches sind schon sehr bald nicht mehr möglich. Ins Schlafzimmer flüchten? Etwas kochen? Auf der Couch sitzen bleiben und versuchen, den Ignoranz-Modus herbeizuführen?“ Aus dem Flur im Eingangsbereich ertönt ein „Hello“ und Schritte bewegen sich ins schlecht gelüftete Schafzimmer, um dieses nach wenigen Augenblicken in unansehnlichem Schlabberlook wieder zu verlassen. Die erste Amtshandlung ist so automatisiert, dass sie eher in Trance als bewusst geschieht: Das Anschalten des PC – sofern es noch vor 18 Uhr ist und dieser sich noch nicht per Zeitschaltuhr von selbst eingeschaltet hat – sofort gefolgt von der Betätigung der Power-Taste des Playstation Joysticks. Sobald beide Geräte surrend zum Leben erwachen, bewegen sich die Schritte zum Kühlschrank, dem sie eine Dose Pepsi entwenden. Zurück auf die Couch. Das Klacken des Öffnens der Pepsidose ertönt, gefolgt zum Zischen und Schluckgeräuschen und kurze Zeit später wird der Joystick durch das Menü zum letzt- gespielten Spiel navigiert, welches, wie jeden Tag, lautstark weitergezockt wird. Ohne Rücksicht auf Verluste. Oder auch Mitbewohner. Wenn diese Position der Couch verlassen wird, dann nur um sich eine schnelle Instant-Mahlzeit (Pommes & Nuggets in Ketschup & Mayo ertränkt, Tütensuppe mit Extraportion Chinanudeln oder Kracker mit Dip) ~zuzubereiten~ oder das Spiel mit Chipskaugeräuschen zu untermalen. Die besagte Mahlzeit wird anschließend auf der Couch oder im sehr seltenen Fall sogar am Esstisch verzehrt. Das Spiel wartet in dieser Zeit geräuschvoll auf seinen Helden. Der Abend wird  in genau dieser Ereignisarmut fortgesetzt. Begleitet von weiteren Dosen Pepsi. Um die Geräuschkulisse noch zu bereichern, erfolgen in Abständen von wenigen Minuten Laute von kurzen nervösen Hustern und, schlimmer noch, einem penetranten Räuspern – welches vermutlich dazu dient, die vom Pepsischleim verklebte Kehle kurzzeitig zu klären. Eben dieses signifikant penetrante, fast schon aggressive Räuspern lässt die Assotiation aufkommen, man würde mit einem Tyrannosaurus zusammenwohnen… Je nach Heldenmut ertönen zwischen Mitternacht und 2 Uhr morgens Schritte im ersten Geschoss. Anschließend das Herabsteigen der Treppe bis zum Bad. Nach ein paar Minuten im Badezimmer vernimmt man bereits unruhiges Schnarchen aus dem Schlafzimmer nebenan, welches in seiner Lautstärke und Regelmäßigkeit stark variieren kann. Ein neuer Tag beginnt, das gleiche Spiel von vorn. Dieser Tagesablauf verändert sich einmalig an Wochenenden und Feiertagen. Dann bleibt nämlich die Ruhe aus. Die automatisierte Handlung des Anschaltens erfolgt bereits vor dem Frühstück. Das, was für gewöhnlich erst gegen Abend seinen Lauf nahm, beginnt nun schon unbarmherzig am Morgen.

Dieser von ungesundem Verhalten geprägte Lebensstil lässt sich leider auf einen Großteil seiner zockenden Artgenossen übertragen. Eine Zukunft mit solchem Ablauf fordert und fördert mit hoher Wahrscheinlichkeit Krankheiten sowohl psychischer, aber vor allem physischer Natur.

 

Nachwort der Verfasserin: Dieser sarkastisch anmutende Text wurde bewusst sehr einseitig dargestellt und zeigt daher nur einen Teilausschnitt des Zusammenlebens. Das primäre Ziel, nämlich die Abmilderung der Situation, erfüllte seine Abreagier-Rolle wunderbar.

Nachwort des Korrekturlesers: Nichtsdestotrotz wird hier auf hohem Niveau geklagt. Im Grunde ist der Mitbewohner ein sehr freundlicher Mensch, der sich stets um ein höfliches Auftreten bemüht und oftmals sehr hilfsbereit ist. Dass es wesentlich schlimmer geht, beweist, dass es sich hierbei mehr um eine Parodie als um ein Klagelied handeln soll.

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